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 Betreff des Beitrags: Plurality University Network
BeitragVerfasst: 21 Nov 2020 12:04 
Bleistiftspitzer

Registriert: 14 Nov 2020 21:06
Beiträge: 2
In der offenen Gemeinschaft „ Plurality University Network“ haben sich mehr als 210 Künstler, Visionäre, Aktivisten u. a. versammelt, die mit ihrer Phantasie dazu beitragen wollen, alternative Zukünfte wahr werden zu lassen (http://www.plurality-university.org). Die Mitglieder sind über den Globus verstreut. Sie kommen aus verschiedenen Disziplinen. Die Publikationen „U+Zines“ erscheinen in französischer und englischer Sprache. Sie können gratis heruntergeladen oder gegen Gebühr in Printform bestellt werden. Nachdem es in der ersten Ausgabe um Beziehungen ging – vor allem die des Menschen zur Natur -, befasst sich die zweite, die hier vorgestellt werden soll, mit der Frage, ob kommerzielle (Kapital-/Handels-) Gesellschaften in einer nachhaltigen Zukunft noch einen Platz haben. Ein heißes Eisen. Wie sollten Firmen ggf. aussehen und geführt werden, was sollten sie produzieren, wie und mit wem? Was haben ein großer multinationaler Konzern, eine Kooperative von freien Mitarbeitern, ein Start-up-Unternehmen und eine Internetplattform miteinander gemeinsam?
Unter dem Titel „Die Frage ist legitim“ (The Question Bears Asking) erfährt man, dass es seit Jahrtausenden Gemeinschaften mit ökonomischen Zielen gibt, hingegen kommerzielle Gesellschaften, wie wir sie heute kennen, erst wenige Jahrhunderte lang, nämlich solche mit Niederlassungsfreiheit, Rechtspersönlichkeit, Haftungsbegrenzung, Börsenkurs und Lohnarbeit. Noch jünger sei ihre Dominanz in der Ökonomie und dem öffentlichen Leben. Es dränge sich die Frage auf, ob sie fähig seien, die Verantwortung zu tragen, die mit dieser Macht verbunden ist, und ob sie die kommenden Herausforderungen meistern könnten. Venkatesh Rao riet, eine Zukunft zu entwerfen, in der sie sich aus der Mitte der Weltökonomie nach und nach zurückziehen. Die Britische Akademie konstatierte, erst im letzten halben Jahrhundert sei eine scharfe Profitorientierung aufgetreten. Milton Friedman habe 1962 die soziale Verantwortung von Unternehmern allein darin gesehen, unter Beachtung der Regeln Gewinne zu steigern. Dies habe weltweit Schule gemacht. Es sei aber unzureichend und im 21. Jahrhundert nicht mehr haltbar, denn es habe ökologische, soziale und politische Probleme sowie eine Erosion des Vertrauens nach sich gezogen. Die Lage würde sich weiter verschärfen, wenn der technische Fortschritt soziale Missstände verschlimmere und die Politik immer mehr in Rückstand gerate bei dem Unterfangen, auf Innovationen zu reagieren.
Stowe Boyd stellt sich für das Jahr 2050 eine Gesellschaft vor, die weniger hierarchisch ist und eher einem Gehirn als einer Armee ähnelt. Alle Menschen könnten darin für sich jeweils die sinnvollste Art von Beziehungen wählen.
Amandine Brugière und Aurialie Jublin zufolge hat unser Gemeinwesen immer größere Schwierigkeiten mit seinem grundlegenden ökonomischen System und beginnt zögernd, sich um andere Prinzipien herum zu ordnen, die schließlich die Bedingungen unserer Existenz prägen.
Kommerzielle Gesellschaften werden in der Science Fiction meistens als unmoralisch und machtgierig dargestellt. Es gibt viele filmische „Corporate Dystopias“. In „Wall-E“ hat ein Konzern gar die Weltherrschaft übernommen und den Planeten ökologisch dermaßen ruiniert, dass die Menschheit ihn verlassen muss.
Charles Stross beschreibt in „Beschleunigend“ (Accelerando), dass Unternehmen mit Neurocomputertechnik Selbstbewusstsein erlangen und den Menschen vom Thron stoßen könnten.
In „Kontraproduktivität“ (Counter-Productivity) führt Julien Prévieux mit Bewegungen von Tänzern die Dogmen, Exzesse und letztendliche Leere entmenschlichter Bereiche vor, insbesondere, als „Kontrabeschäftigung“ (Counter-Employment), solche aus der Arbeitswelt. Gesten, mit denen man Geräte aktiviere, würden patentiert und prägten unser Verhaltensrepertoire immer mehr. Im Video „Wo ist mein tiefer Geist“ (Where Is My Deep Mind) verkörpern vier Personen automatische Lernprozesse, beginnend mit dem Erkennen sportlicher Bewegungen bis hin zu Verhandlungstechniken bei An- und Verkauf. Sie zeigen Fehler, die eine kulturell unerfahrene Maschine dabei begehen kann. Was würde der großmaßstäbliche Einsatz solcher Systeme mit menschlichem Körper und Geist machen?
Nach neuen, anderen Gesellschaften wird unter dem Titel „Alt Corps“ gesucht. Angelica Boehm und Nicole Loeser haben 2019 die fiktive Kompanie „Universeller Reinigungsplan“ (Universal Cleansing Plan) gegründet, eine global operierende Nicht-Regierungs-Organisation, die auf Soziokratie beruht, angesiedelt auf einer Insel, die aus Teilen des pazifischen Müllstrudels gebildet wurde. Sie sei am Gemeinwohl orientiert und auf Kreislaufwirtschaft sowie Regenerationsdesign fokussiert.
Prophil hielt 2019 mit 700 Personen die öffentliche Simulation einer Generalversammlung einer fiktiven Gesellschaft namens „Mirliton“ (Membranophon) ab, die sich selbst in ein missionsorientiertes Unternehmen verwandeln sollte .
Das Projekt „Ausgang zur Gemeinschaft“ (Exit to Community) der University of Colorado Boulder spielt mit der Frage, ob neugegründete Unternehmen, statt von etablierteren Firmen übernommen zu werden oder an die Börse zu gehen, sich darauf konzentrieren könnten, zu reifen und in das Eigentum der Gemeinschaft der Projektbeteiligten überzugehen, also etwas zurückzugeben.
In „2312“ beschreibt Kim Stanley Robinson ein kybernetisches Modell, das seiner Auffassung nach an die Stelle der Marktwirtschaft treten soll. Es werde von einem Netzwerk von Siedlungen im All kooperativ betrieben und steuere alle ökonomischen Transaktionen nach demographischen Erhebungen des zu erwartenden Bedarfs.
Das Origens Media Lab, ein interdisziplinäres Forschungslabor über das Anthropozän, plädiert dafür, sich von obsoleten Zukunftsvisionen loszusagen. Um den gegenwärtigen Herausforderungen zu begegnen, müsse die gesamte Ökonomie umgeleitet werden. Der Wandel sei eine industrielle und strategische Herausforderung für Organisationen. Sie müssten ihre eigenen Innovationen und Möglichkeiten nun unter einem Nach-Wachstums-Paradigma generieren.
Unter „Artifizierung von Gesellschaften“ (Artifying Corporations) wird untersucht, wie Kunst in Unternehmen, statt bestätigend zu wirken, Veränderungen herbeiführen kann. Die Firma Bernard Controls eröffnete 2012 in Peking und in der Region Paris eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung „für soziale Sensibilität“ (The Social Sensibility Department), um Menschen ins Zentrum des kreativen Prozesses zu führen. Ins Leben gerufen wurde das Projekt von dem Künstler Alessandro Rolandi, der die Disziplin „Soziale Praxis“ (Social Practice) in der zeitgenössischen Kunst entwickelt hat, und dem Manager Guillaume Bernard.
In „Wenn Dinge schwatzen“ (Gossip of Things) spielt das „De la O“-Design-Studio mit dem Gedanken, in der Carso Gruppe, die die mexikanische Wirtschaft dominiert, würde zusätzliche Technik eingesetzt. Kameras, Beschleunigungsmesser etc., die das Verhalt der Belegschaft überwachten, könnten anfangen, miteinander zu reden und das Überwachungssystem irrezuführen, z.B. indem vor eine Kamera ein künstliches Gesicht mit beweglichen Augen gesetzt würde.
Der Schauspieler Florent Audoye begab sich 2018 in einen Verbund kleiner Unternehmen und wurde zum „Feelgood-Manager“ (Chief Happiness Officer). Er demontierte Regeln der Körperschaftswelt und verbesserte so die Lebensqualität von Mitarbeitern.
Das Innovationslabor der Vinci-Gruppe Leonard hat eine gemischte Gruppe von Beschäftigten versammelt, um sich auszumalen, wie anno 2040 die Arbeit in der Firma und um sie herum aussehen wird. Sie benutzten fiktive und künstlerische Inhalte als Ausgangsmaterial und entwickelten Geschichten, in denen Konzepte – z.B. um Car-Sharing und Mitfahrgelegenheiten - zusammentrafen mit der erneuerten Ausbeutung von Arbeitern. Obwohl einige Stories das Unternehmen in schlechtem Licht erschienen ließen, veröffentlichte es sie unverändert, versehen mit dem Hinweis, es sei nun Sache der Vinci-Gruppe, ihre eigene wünschenswerte Zukunft zu entwickeln.
Es folgt ein kleiner Comic. Ein Klimaflüchtling aus den Niederlanden – einer von vielen - hat nur noch für drei Stunden Strom und für 30 Kilometer Mobilität Kredit. Er fragt bei der Fa. Akme Ecomobility nach einem Job, um seiner Misere zu entkommen. Man bietet ihm eine Stelle an, aber an einem fernen Ort. Mangels finanzieller Mittel kann er nicht dorthin reisen und geht leer aus.
Unter dem Titel „Inventing New Names for New Kinds of Corporation“ werden Worte für neue produktive Organisationen erfunden:
Corpostates seien gigantische Korporationen, die Regierungen überwältigt oder Staaten in kommerzielle Gesellschaften verwandelt hätten. Manchmal werde der Begriff benutzt, um zu beschreiben, wie Managermethoden in öffentliche Einrichtungen einsickern.
Take-Offs (Starter) würden nach Start-Ups (Neugründungen) kommen und nicht einmal vorgeben, eine Marktentwicklungsstrategie zu besitzen, sondern sie wollten eine Idee oder Innovation nur vorstellen und sie dann an einen großen Wettbewerber verkaufen.
Enterpocenes (wohl sprachspielerische Gegenstücke zum Anthropozän) sollen Reduktion, Kapitalabzug und De-Innovation produzieren, um Aktivitäten abzubauen, die negativ wirken. Ein gegenwärtiges Beispiel seien Firmen, die sich darauf spezialisiert hätten, große, überflüssig gewordene Industrieanlagen zu beseitigen wie etwa Kernkraftwerke und Chemiefabriken. Sie könnten sich auch gegen nutzlose oder dysfunktionale Hightech-Infrastrukturen richten, z.B. - so die Verfasser - gegen 5G und Smart Cities.
Teils Gilde, teils Gewerkschaft, teils Arbeitsagentur, teils kommerzielles Unternehmen: Corporation Redux (Körperschafts-Wiederbelebung) belebe den alten Zweck von Korporationen wieder. Es gewährleiste die berufliche Entwicklung seiner Mitglieder, die bestimmte Bündelungen von Fähigkeiten und Interessen, früher Berufe genannt, gemeinsam hätten. Andere Unternehmen würden sich an solche Gesellschaften wenden, wenn sie Personal für Projekte benötigten. Nach den Einsätzen kehrten die Mitglieder zurück und tauschten sich über gelernte Lektionen aus, trainierten und erledigten Arbeiten im Allgemeininteresse.
Z-Corps würden ganze Aktivitäten aus dem kommerziellen Geschehen herausholen. Wikipedia sei die erste gewesen; im Alleingang habe sie den Markt für Lexika zerstört. Ihr ökonomisches Modell verbanne Einheitspreise und Vorzugsabonnements, feste Einkünfte und andere Formen der Valorisierung.
Daneben enthält das U+Zine #2 weitere Beiträge textlicher und bildlicher Art. Am Schluss steht ein Spiel, das aus drei Schritten besteht und die Inhalte vertiefen soll.

An der Problembeschreibung gibt es wohl wenig zu deuteln. Die Lösungs- oder Milderungsvorschläge zielen in erster Linie auf einen Bewusstseinswandel ab, der sich in einer veränderten Unternehmenskultur niederschlagen kann. Ob dies in einer Welt hart umkämpfter Märkte genügt, erscheint allerdings zweifelhaft. Eine zwingende Einwirkung wird nicht entworfen, z.B. nicht Änderungen im Gesellschafts-, Wettbewerbs-, Arbeits- oder Steuerrecht. Es bedürfte wohl umfassender Abwägungen und Regelungen, um einerseits die unternehmerische Initiative und das Eigentum zu schützen und andererseits die Verantwortung für Nicht-Profit-Belange – oder überhaupt die Verantwortlichkeit in großen Firmen – zu stärken. Aus deutscher Perspektive wären hier z.B. Erfahrungen mit der betrieblichen und unternehmerischen Mitbestimmung einzubringen. Einige der im U+Zine #2 vorgestellten Ideen, nämlich, Ökonomien zentral bedarfsorientiert zu steuern, Mitarbeiter zu verleihen oder wirtschaftlich relevante Vorgänge dem Erwerbsleben zu entziehen und kostenfrei zu stellen, haben eine dunkle Kehrseite, wie planwirtschaftliche Systeme, unsichere, schlecht bezahlte Leiharbeit und jobkillende kostenlose Dienstleistungen zeigen. Das U+Zine#2 widmet sich einer brisanten Thematik und bietet viele interessante Anregungen, ist allerdings von einer Patentlösung – wie wohl die ganze Welt - noch weit entfernt.
Weitere Ausgaben sind zu den Themen Zukunft, Nahrung und Geschichte geplant.

(Clemens Nissen)


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