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 Betreff des Beitrags: Helene Hegemann: Jage zwei Tiger
BeitragVerfasst: 05 Okt 2013 21:14 
Buchstabenmaler
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Registriert: 31 Jul 2013 20:20
Beiträge: 114
Wohnort: Waghäusel
Auch weil mein nächster Ebook-Band nun eine Art Rahmenhandlung bekommt, in deren die Figuren Irene Igelmann (ihr erstes Buch hieß "LOL ROFL LOL xD") und "Literaturpapst" Dr. Hanno Schwolsten von der Lauer auftreten (deren Kurzauftritt in meinem aktuellen Manuskript hat einem Autorenkollegen so gut gefallen), habe ich mich nun durch "Jage zwei Tiger" gekämpft. Der zweite Grund waren die Rezensionen und dazugehörigen Diskussionen auf Amazon, in denen die 5-Sterne-Rezensenten kaum gute Argumente für das Buch fanden, sowie der Hype in den meisten Feuilletonkritiken.

Insgesamt war es mehr Arbeit als Vergnügen, denn das Buch taugt meiner Meinung nach nicht viel. Hier ist die Rezension, die ich auch auf Amazon gestellt habe – als Einleitung vielleicht noch, damit ihr nicht suchen müsst: Eine Gruppe von Jugendlichen wirft einen Stein von einer Autobahnbrücke, der Stein trifft das Auto von Kais Mutter. Diese stirbt, und Kai irrt erstmal durch die Gegend. Er trifft eine der Jugendlichen, Samantha, und landet dann im Krankenhaus. Kai kommt bei seinem Vater unter, der es nicht so mit dem Erziehen hat. Zusammen mit einer Geliebten des Vaters, der siebzehnjährigen Cecile (deren Vorgeschichte man lang und breit erzählt bekommt) will er Samantha suchen. Mit dieser Kurzeinleitung, die so ähnlich überall zu finden ist, habe ich nun auch schon fast das ganze Buch gespoilert...

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Zwei Tiger soll man jagen, anstatt zwei Hasen, damit man glanzvoll scheitert. Nun, gescheitert ist Helene Hegemann an ihrem zweiten Buch, aber auch glanzvoll? Ich gehe nicht zu sehr auf die Handlung ein, denn die Produktbeschreibung deckt diese nahezu komplett ab.

Schon der Einstieg ist zum Zuklappen. Der erste Satz ist nicht nur ein ewig langer Bandwurm, er führt auch eine Ich-Erzählerin ein. Eine, die Kais Mutter (um den es hauptsächlich in diesem Buch gehen soll) kennt und vor einer Woche getroffen haben soll. Die Handlung des Buches erstreckt sich aber über mehrere Jahre, und die Ich-Erzählerin taucht sehr schnell in einer auktorialen Erzählperspektive unter. Es bestätigt sich immer mehr, dass es einfach die Autorin selbst ist, die als Erzählerin auftritt.

Das schlimme daran ist, dass so ziemlich alle im Vordergrund stehenden Figuren die gleiche Sprechweise und die gleichen Vorlieben zu haben scheinen wie die Erzählerin. Oder drückt die Erzählerin dies den Figuren absichtlich auf? Ich weiß es nicht, aber es stört gewaltig. Bestimmte Bands, Personen, Dinge und Redewendungen werden wiederholend erwähnt, manche davon finden sich sogar in Fr. Hegemanns „Bayreuth“-Artikel auf der Zeit-Webseite wieder, wie etwa der Philippe-Starck-Stuhl, die „Dissonanzen, die sich einig sind“, oder das Slayer-T-Shirt, was das ganze noch seltsamer wirken lässt.

Die eingestreuten Anglizismen und die pseudojugendliche Sprechweise ist einfach lächerlich, das abschweifende Geschwafel von Erzählerin und den Figuren nervig, die Fehler sind peinlich. Das mit den Autobahnen, auf denen man wenden kann, und die als Zufahrt für Villen dienen, wurde in einer anderen Rezension schon erwähnt. Man kann der Autorin also auch kaum Dinge glauben, von denen man selbst kaum etwas versteht. Ich musste beispielsweise erst mal nachsehen, ab wie vielen Jahren man ein Prepaid-Handy bzw. eine -Karte kaufen kann, das geht erst ab 16. Protagonistin Cecile hatte dieses Alter zum Zeitpunkt der Handlung noch nicht erreicht.

Das Allerschlimmste an diesem Buch ist aber die Art, wie die Autorin Konflikten und Problemen aus dem Weg geht. Ich habe das schon oft bei Schreibanfängern in Foren gesehen. Hier mache ich der Autorin gar nicht mal den größten Vorwurf, eher den Leuten, die ihre Manuskripte in dem Zustand nicht abgelehnt haben. Wenn man von veröffentlichten Schriftstellern hört, wie sie zu ihren Verträgen gekommen sind, dann hört man auch oft davon, dass ihr erstes Manuskript letztlich in der Schublade versauerte, und dass es im Nachhinein besser so war. Viele, wegen der Verarbeitung von Erlebnissen geschriebene Romane, bleiben für immer in der Schublade. "Jage zwei Tiger" wäre besser auch dort geblieben.

Nehmen wir da z.B. Ceciles Drogenproblem. Sie ist kokainabhängig, aber was das bedeutet, das erfährt und spürt man nicht, wenn man dieses Buch liest. Irgendwann erkennt sie, dass sie ein „Kokainproblem“ hat, und irgendwann beschließt sie einfach, keine Drogen mehr zu nehmen. Fertig.

Dann die Geschichte mit Kai und Samantha. Letztere war bei der Gruppe Jugendlicher, die den Stein auf das Auto geworfen haben. Sie ist damit mitverantwortlich für den Tod von Kais Mutter, wie sehr, kommt erst am Ende heraus. Aber nur für den Leser, denn Kai erfährt nicht mal das dass sie dabei war (Wahrscheinlich ist es ihm sowieso egal). Dieser versprochene Roadtrip, dass Kai und Cecile Samantha suchen gehen, den gibt es so gar nicht. Kai und Cecile treffen sich in der Mitte des Buches, und dann kommt Kapitel für Kapitel, was Cecile zuvor alles gemacht hat, und wo sie überall war. Das ist leider völlig uninteressant und auch nicht interessant geschrieben. Somit kann die Autorin die Begegnung zwischen Kai und Samantha bis zum Schluss hinauszögern. Für den versprochenen Roadtrip und die große Suche war dann natürlich keine Zeit mehr. Kai entdeckt Samantha in der Bravo, in einem Bericht über den Zirkus, und bei einer Klassenfahrt nimmt er einfach einen anderen Zug, zusammen mit Cecile.

Einziger Lichtblick sind die beiden Kapitel mit Samantha in der ersten Hälfte des Buches, ich finde ihr zweites ist das am besten geschriebene im ganzen Buch. Dann taucht sie aber bis zum Ende nicht mehr auf, und eine Begebenheit in ihrem zweiten Kapitel wird später lapidar durch eine Zeitungsschlagzeile aufgeklärt. Dazu noch ein paar übersinnliche Elemente und andere Sachen, „die man ja auch noch einbauen könnte“ (So kam es mir jedenfalls vor), dann die immer wieder mal erwähnten Sexualakte zwischen Erwachsenen und Jugendlichen, die wohl schockieren sollen, und zwischendurch doch noch mal die Ich-Erzählerin, die uns sagt, um was es in dem Roman eigentlich geht, angeblich um Jugendliche in Extremsituationen. Genau so wie gesagt werden muss, dass die Protagonisten ja so intelligent und sympathisch sind. Cecile soll das laut Erzählerin beispielsweise sein, daher nimmt sie wohl auch den größten Teil des Buches für sich ein, obwohl sie am wenigsten mit der gesamten Handlung zu tun hat, lassen wir das Flash-Forward-Happy-End mal außen vor.

Ich will das Buch beurteilen, und nicht die Autorin, auch nicht die Plagiatsaffäre einfließen lassen, und die Interviews, in der sie sagt, dass man sie angeblich kritisiert, weil sie eine Frau oder so jung ist. Im Interview mit der Welt hat sie gesagt, es wäre das schlimmste, wenn ihr Buch langweilig wäre. Genau das ist es aber. Auch deshalb rate ich den Verlagen Frau Hegemanns nächstes Werk genau so kritisch zu betrachten, als wäre es von irgendeiner unbekannten Autorin bzw. einem Autor.

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 Betreff des Beitrags: Re: Helene Hegemann: Jage zwei Tiger
BeitragVerfasst: 06 Okt 2013 10:55 
Kapitelmagier
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Danke für die Rezi.

Habe von der Autorin noch nichts gelesen - und ich denke, das bleibt auch so.

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 Betreff des Beitrags: Re: Helene Hegemann: Jage zwei Tiger
BeitragVerfasst: 06 Okt 2013 13:47 
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Ausgesprochen gut geschrieben, deine Rezension. Ich konnte erst den Namen der Autorin nicht zuordnen, beim Weiterlesen erkannte ich dann aber, dass es sich um die junge Dame handelt, die vor einiger Zeit von der Presse so unglaublich hochgejubelt wurde als größtes Jugendtalent aller literarischer Zeiten :mrgreen: und bei der man später feststellte, dass sie große Teile ihres Romans aus dem Internet kopiert hat. :naughty:

Nun scheint das zweite Werk ja auch nicht der Hammer zu sein, um es mal vorsichtig zu formulieren. :wtf:

Danke für diesen ausführlichen Bericht!

LG, Anke

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 Betreff des Beitrags: Re: Helene Hegemann: Jage zwei Tiger
BeitragVerfasst: 06 Okt 2013 15:05 
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:thumbup:
Danke für diese erhellende Rezi!

LG Gerd / Sesh

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 Betreff des Beitrags: Re: Helene Hegemann: Jage zwei Tiger
BeitragVerfasst: 07 Okt 2013 08:29 
Buchstabenmaler
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Beiträge: 114
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Danke!

Ich bin der Meinung, dass kein Verlag die Autorin verlegt hätte, hätte ihr Vater, der Dramaturg Carl Hegemann, nicht die entsprechenden Connections. Das erweist sich für Helene Hegemann aber letztlich als Nachteil, da sie nun wohl nicht mehr die Notwendigkeit sieht, etwas zu lernen und sich zu verbessern. Falls sie ein drittes Buch schreibt, glaube ich also kaum, dass es besser wird. Vermutlich wird sie aber noch eines schreiben, denn in einem Interview hat sie mal gesagt, dass sie für den "regulären Arbeitsmarkt völlig ungeeignet" wäre.

Michael

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 Betreff des Beitrags: Re: Helene Hegemann: Jage zwei Tiger
BeitragVerfasst: 07 Okt 2013 11:17 
Kapitelmagier
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Lars Gunmann hat geschrieben:
Vermutlich wird sie aber noch eines schreiben, denn in einem Interview hat sie mal gesagt, dass sie für den "regulären Arbeitsmarkt völlig ungeeignet" wäre.

:whistle:
Da bleibt ja dann nur noch :chores-mop: :chores-laundry: :chores-chopwood: :chores-vacuum: :happy-smileygiantred:

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